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cva 15-17


Bilder machen

Ein Korsakow-Film

Startseite des Korsakow-Films „Bilder machen“

Das Curriculum Visuelle Anthropologie (CVA) 2015-2017 widmete sich dem Oberthema „Bilder machen“ Die Studierenden videografierten zwölf Personen bzw. Personenengruppen bei der Ausübung ihrer visuellen Praktiken. Das Forschungsziel bestand darin, sich für bestehende Normen, Vorbilder sowie das sensorische Instrumentarium, in das die bilderstellenden Praxen eingebettet sind, zu sensibilisieren, auch um Bilder als das Resultat „persönlicher oder kollektiver Symbolisierung“ (Belting 2001: 9) sichtbar zu machen. Um später Kohärenzen, aber auch Disparitäten quer zu den verschiedenen Bildprozessen kenntlich machen zu können, fiel die Entscheidung, eine große Vielzahl kurzer Videoclips mit Hilfe der Software „Korsakow“ (vgl. u. a. Soar 2014), die der Filmemacher und Künstler Florian Thalhofer entwicklet hat, in dem Korsakow-Film „Bilder machen“ zusammenzuführen.

Bilder machen

Videostill aus einer der Projektarbeiten

Mit dem Iconic Turn, der Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre die Kulturwissenschaften durchdrang (vgl. u.a. Bachmann-Medick 2008), ging auch eine Loslösung des Bildlichen von bis dahin dominanten Kategorien einher. Ließen Begriffe wie „Original“ und „Werk“ Bilder in der Regel als das Ergebnis eines künstlerischen Schöpfungsprozesses und damit vor allem als Gegenstand der Kunstwissenschaft erscheinen, durchzieht die Kulturwissenschaften heute ein breiter Bildbegriff. Bildlichen Status erlangen dadurch vielfältige Produkte verschiedenster Verfahren. Dazu zählen neben den klassischen bildlichen Künsten wie Malerei oder Fotografie, auch Karten, Baupläne oder aus Daten generierte Netzwerke u.v.m., die aus technischen oder wissenschaftlichen Praxen hervorgegangen sind. Entsprechend dieser Diversifizierung haben sich auch die Blickrichtungen auf Bilder multipliziert. Galt eine der klassischen Fragen den Bildern an sich, speziell ihrem „Wahrheitsgehalt“, stehen heute mehr und mehr situierte Betrachtungen ihrer Entstehungskontexte sowie die gebundene Gültigkeit lokaler Regeln ihrer praktischen Werdung im Vordergrund. Vor allem die Visual Studies haben den Bilddiskurs in diese Richtung maßgeblich beeinflusst. Sophia Prinz und Andreas Reckwitz unterscheiden innerhalb der Visual Studies verschiedene Ansätze (vgl. 2012: 180). Neben produkt- und rezeptionsorientierten Analysen erscheinen dabei vor allem produktionsorientierte Forschungen, die visuelle Praxen unter materiellen und technologischen Bedingungen in den Blick nehmen, aber auch Perspektiven, die sich nicht allein auf Bilder, sondern auch auf Praxen des Sehens als Wahrnehmungsprozesse richten, als besonders relevant:

„Entscheidend ist dabei, das Sehen als Wahrnehmungsweise nicht auf einen psychologisch, phänomenologisch oder neurophysiologisch rekonstruierbaren ‚inneren‘ Prozeß zu reduzieren, sondern es als Bestandteil kulturell und historisch spezifischer Praktiken zu analysieren. Diese Praktiken sind wiederum nicht isoliert zu betrachten, sondern eng mit entsprechenden Artefaktkonstellationen, Wissens- und Affektstrukturen sowie Subjektivierungsformen verbunden.“ (Prinz/Reckwitz 2012: 191f.)

Analytische Arbeit mit der Software „Korsakow“

Innerhalb dieses Rahmens verortet sich auch ein Konzept der Sozialanthropologin Cristina Grasseni. Sie verortet Bildproduktionen innerhalb von „komplexen kontextuellen, konnotativen Verstrickungen und Koppelungen von Medium, Material sowie Herstellungs- und Vermittlungsprozessen“ (Leimgruber u.a. 2013: 253). In ihrem Konzept der sog. skilled visions hat Grasseni (u.a. 2011) die Verbindung einer sozio-kulturellen Situierung von Visualität und einer Praxeologie des Sehens ausgearbeitet. Ebenso wie die Vertreter_innen der Visual Culture Studies versteht auch Grasseni visuelle Wahrnehmung antithetisch zu neutralen Observationen. Sie geht davon aus, dass visions und ihre Herausbildung praxissituiert und sozial sowie kulturell beeinflusst sind. Im Rahmen dieses  gewandelten Bildverständnisses sowie daran anschließender Perspektiven auf die vielfältigen Situierungen bildgebender Praxen hat sich das CVA 2015-17 bewegt, das inhaltlich Akteur_innen von Bildproduktionen im vorgenannten Sinne in sein Zentrum rückte. Wichtig dabei war zunächst, dass die Vielfalt des Bildbegriffs durch die Wahl der von den Studierenden zu bearbeitenden Themen deutlich wird. Entsprechend fanden nicht nur Malerei und Fotografie Berücksichtigung, sondern auch von Schauspieler_innen auf einer Theaterbühne oder durch Musik evozierte imaginäre Bilder, aber auch aus physikalischen Daten gewonnene Grafiken, die ebenfall einen Bildsttatus für sich beanspruchen können.  Zudem sollte herausgestellt werden, dass Bilder als Produkt von Wahrnehmungpraxen angesehen werden können, die neben visueller Perzeption auch andere sensorsiche Fähigkeiten wie Fühlen, Riechen, Hören und Bewegen beinhalten.

Non-linear storytelling

Workshop mit Korsakow-Entwickler Florian Thalhofer

Da es im CVA 2015-2017 neben der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Rahmenthema „Bilder machen“ auch um die Erprobung non-linearer interaktiver Erzähltechniken gehen und das entstehende Rohmaterial deshalb nicht nur in einzelne narrative Filme, sondern vor allem auch in die Web-Dokumentation Korsakow überführt werden sollte, war eine die einzelnen filmischen Arbeitsgruppen überreifende Koordination der Projektarbeiten von besonderer Bedeutung. Denn damit das Korsakow-System sein non-lineares und interaktives Potential ausspielen kann, werden besondere Anforderungen an die Themenentwicklung und schließlich auch an das Rohmaterial gestellt. Diese können auf einer abstrakten Ebene als kalkuliertes Wechselverhältnis aus Wiederholung und Innovation beschrieben werden. Wiederholung bedeutet im konkreten Kontext, dass die Bearbeitung der Einzelthemen unter zuvor gemeinsam definierten Kategorien erfolgen muss. Erst so wird das System überhaupt in die Lage versetzt, den Nutzer_innen an einer Schnittstelle mehrere Rezeptionsofferten anzubieten. Damit diese aber nicht redundant, sondern als polyphon wahrgenommen werden können, muss das gefilmte Material im Stande sein, die verbindende Kategorie auf verschiedene Art und Weisen zu deklinieren. Nur so kann das gewünschte Ergebnis erzielt werden, späteren Nutzer_innen den Eindruck zu vermitteln, zwar weitgehend auf selbst bestimmten, mal überraschenden, mal Zusammenhänge verdeutlichenden, in jedem Fall aber immer erkenntnisgeleiteten und -reichen Wegen durch die Web-Dokumentation zu gelangen. Damit dieses Wechselspiel von Wiederholung und Innovation gelingt, wurden für viele Korsakow-Web-Dokumentation Themen gewählt, die um die vielfältigen Einblicke starke Klammern gelegt haben. Dabei handelt es sich vor allem um geographische Orte – ein Hochhaus oder eine Brücke etwa –, die die Einzelgeschichten als gemeinsamen Nenner verbinden und die verhindern, dass die Nutzer_innen in dem bewusst klassische Dramaturgien entsagenden System nicht „verloren“ gehen. Im Rahmen des CVA übernahm das gemeinsame Oberthema sowie ein im Plenum abgestimmtes  kollektives Forschungsdesign diese Aufgabe. Gemeinsam erarbeitetete und alle Themen verbindende analytische Kategorien, Frageleitfäden und/oder Beobachtungsperspektiven sollen als sich wiederholendes Element ermöglichen, dass die spezifischen Ausprägungen der einzelnen Themen in der Zusammenführung als innovative Erfahrungen der Nutzer_innen wahrgenommen werden können.

Interaktive Mulitmediapräsentation und Korsakow-Film

Navigation des Publikums mithilfe von Laserpointern

Der Korsakow-Film „Bilder machen“

Die Ergebnisse des Projekts wurden Ende Januar 2018 im Rahmen einer öffentlichen interaktiven Multimediapräsentation im Göttinger Kino Lumiere uraufgeführt, von den zwei Gastreferent_innen Susanne Regener (Lehrstuhl für Mediengeschichte, Schwerpunkt Visuelle Kultur, Universität Siegen) und Kay Hoffmann (Studienleiter Wissenschaft, Haus des Dokumentarfilms, Stuttgart) kommentiert und in einem abschließenden Podium diskutiert. Den fertigen Korsakow-Film „Bilder machen“ sehen Sie hier.