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cva 17-19


Gesammeltes Wissen (AT)

Die Georg-August-Universität Göttingen verfügt über mehr als 30 Sammlungen, die aus Gemälden, Graphiken, Ethnographika, Musikinstrumenten, kartographischen Erzeugnissen, rechtsmedizinisch relevanten Objekten, Pflanzen u. v. a. m. bestehen und in den unterschiedlichsten Instituts- und Seminargebäuden, in Bibliotheken, Kliniken sowie botanischen Gärten aufbewahrt werden. Wesentliche Teile der Sammlungen gehen auf das „Königliche Academische Museum“ zurück, das 1773 in Göttingen gegründet wurde. In dieser Zeit bildeten Sammlungen oft die konstitutive Grundlage vieler sich vornehmlich auf „empirischen Beobachtungen und Sinneserfahrungen“ (Häner 2017: 30) langsam disziplinär ausbildender Forschungsaktivitäten. Vor allem im Bereich der sog. Naturforschung  waren es Sammlungen, anhand derer ordnende, benennende, klassifizierende, systematisierende und darstellende Verfahren wissenschaftlicher Arbeit vollzogen wurden und so wesentlich zur Genese neuer Wissensbestände beitrugen (vgl. ebd.: 32). Darüber hinaus wurden die Sammlungen zur Vermittlung der Inhalte in der universitären Lehre eingesetzt. Auch bei der Bildung disziplinärer Identitäten (vgl. te Heesen 2010: 218) sowie in der Außenwirkung der Universität spielten sie eine nicht unwesentliche Rolle, etwa bei der Akquise zahlungskräftiger Studierender. Anfang des 20. Jahrhunderts schließlich wurden die großteils zentral verwalteten Sammlungen in die jeweiligen Institute transloziert  – wo sie sich bis heute befinden. Eine in den letzten Jahren sozial- und geisteswissenschaftlich übergreifende Sensibilisierung für die kontextgebundene und situierte Entstehung von Wissen, in der auch den Dingen eine neue Bedeutung zugesprochen wurde (vgl. te Heesen 2010: 215 u. 218) haben ebenso wie neue Fördermöglichkeiten und -programmen dazu geführt, dass (universitären) Sammlungen eine wieder erstarkte Aufmerksamkeit zuteilwurde. Das gilt auch für Göttingen.

Mit dem „Forum Wissen“ beabsichtigt die Georg-August-Universität, ihren Sammlungen ein – in eigenen Worten –  neues „Gravitationszentrum“ (Allemeyer/Baur 2016: 12) zu verleihen. Das „Forum Wissen“, das gerade mit einem millionenschweren finanziellen Aufwand im ehemaligen Zoologischen Museum in unmittelbarer Bahnhofsnähe errichtet und im Jahr 2020 eröffnet werden soll, will mit den Schwerpunkten „Sammeln“, „Erhalten und Erschließen“, „Forschen und Lehren“ sowie „Zeigen und Vermitteln“ den Universitätssammlungen eine neue Plattform bieten. Mit einer Basisausstellung, in die ausgewählte Gegenstände der Sammlungen (die in ihrer jeweiligen Geschlossenheit an Ort und Stelle der entsprechenden Institute verbleiben) überführt werden, möchte das Forum Wissen den Besucher:innen die Perspektivität, Historizität und Veränderlichkeit von Wissen und Wissenschaft vermitteln. Die Ausstellungskonzeption, die in Zusammenarbeit mit Joachim Baur von der Berliner Agentur „Exponauten“ entwickelt wurde, ist stark von den aktuellen Diskursen einer new museology geprägt. Dies macht ihre selbstreflexive, multiperspektivische, deutungsoffene und zudem den Eigensinn der Dinge betonende Perspektive deutlich. Ein wesentlicher Teil der Basisausstellung (die durch wechselnde Sonderausstellungen ergänzt werden wird) ist ein sog. gläsernes Objektlabor, das von unterschiedlichen Disziplinen für die universitäre Lehre genutzt werden kann. In seiner Mehrfunktionalität als Ausstellungs-, Lehr- und Lernraum versinnbildlicht und materialisiert es die vom Forum Wissen avisierte Schnittstelle von Sammlungsarbeit, Forschung, Lehre und breitenwirksamer Vermittlung von Wissenschaft gleichermaßen.

Für die Planung und Umsetzung des Forum Wissen sowie zur koordinierten Unterstützung der einzelnen Sammlungen und Teilsammlungen wurde im Jahr 2013 die Zentrale Kustodie eingerichtet. Als (zukünftige) Forschungsstelle innerhalb des Forum Wissen besteht eines ihrer Ziele u. a. darin, die Sammlungen der Universität digital zu erschließen und für die Forschung – auch weit über Göttingen hinaus – zugänglich zu machen. Ihr angegliedert ist auch die neu eingerichtete Professur für Materialität des Wissens, deren schwerpunktmäßige Aufgabe darin besteht, Forschung und Wissen selbst zu erforschen.

Kooperation und mögliche Zugänge

Das hier skizzierte Feld bildet das Rahmenthema des CVA 2017-19, für dessen Bearbeitung die Zentrale Kustodie und das Curriculum Visuelle Anthropologie (CVA) des Instituts für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie miteinander kooperieren. Die Zentrale Kustodie kann dabei als door opener zu einem breiten Spektrum kulturanthropologisch hochgradig relevanter Strukturen, Prozesse sowie menschlicher wie dinglicher Akteure (Aktanten), die sich in den entstehenden Filmen widerspiegeln können, wirken.

Ein wesentlicher Teil möglicher filmischer Zugänge (und denen ihnen vorausgehenden Forschungen) leitet sich direkt aus den aktuellen Perspektiven einer kritischen Museologie ab und ist auf der Ebene der vielfältigen Universitätssammlungen angesiedelt. Ins Blickfeld geraten dabei z. B. poststrukturalistisch inspirierte Fragen nach den Verfasstheiten einzelner Sammlungen und sich darin manifestierender Identitätspolitiken. So verwirklicht sich bspw. in der Art und Weise, wie bestimmte Dinge gesammelt wurden und andere nicht, ein (historisches) Differenzdenken entlang der gängigen Großkategorien wie Ethnizität, Geschlecht oder Klasse. Auch die Frage, wie mit Hilfe der Sammlungen „wahres“ Wissen konstituiert wurde, gibt Hinweise auf historische Machtdimensionen, die dem Feld der (universitären) Sammlungen stets immanent sind (vgl. MacDonald 2010: 52). Ebenfalls auf der Ebene der Sammlungen, aber eher auf der materiellen denn der strukturellen angesiedelt, ist die Frage nach der Bedeutung einzelner Objekte. Diese kann mithilfe sog. Objektbiografien kenntlich gemacht werden kann. Kern dieser Methode ist es, ausgewählte „Objekte durch ihre verschiedenen Kontexte zu ‚verfolgen‘, um so die Prozesse der Kommodifizierung und Wertzuweisung zu erhellen“ (MacDonald 2010: 58), wozu auch – in freier Anlehnung an Bruno Latour (u. a. 2000) – ihre aktivische Rolle im Prozess der Wissensgenese zu zählen ist. Neben diesen Zugängen lassen sich vor allem ethnografische Perspektiven skizzieren, die wechselweise die Praxen des Sammelns (des Ordnens, des Restaurierens, des Entsammelns u. v. a. m.) oder involvierte Akteur:innen (Kustod:innen, Aufsichtspersonal,  Wissenschaftler:innen, die mit Sammlungsstücken arbeiten) in den Blick nehmen. Je nach zu entwickelnder Forschungsfrage können hier bspw. Aspekte impliziten Wissens (Kustod:innen) oder sensorischer Perzeption erkenntnisleitend sein.

Über die unzweifelhafte thematische Relevanz hinaus kann die Kooperation auch für die Interessen der beteiligten Partner:innen fruchtbar sein. Indem das CVA 2017-19 auf die Göttinger Universitätssammlungen fokussiert, werden (feld)forschungsbasierte Audiovisionen angestoßen, die im Idealfall der Forderung einer kritischen Museumswissenschaft Rechnung tragen können, eine konkrete Museums- und Ausstellungspraxis reflexiv zu begleiten (vgl. MacDonald 2010: 52), indem sie das making of bzw. das doing dieser Wissensarbeit in den Blick nehmen.