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OFF – Filmische Zugänge ins Abseits (AT)

„Abseits“ oder „weg“, „ausgeschaltet“ oder „aus“, „schlecht“ oder „verdorben“. Die Übersetzungen des englischen Begriffs „OFF“ sind vielfältig. Dabei kreisen viele von ihnen um ein gemeinsames semantisches Feld. Momente der Abwesenheit, zumindest aber des Mangels oder des Marginalen bilden darin ein deutlich erkennbares Muster. Dasselbe gilt für filmische Kontexte, in denen das Wort „OFF“ Verwendung findet. Während der Terminus „off the record“, der eine vertrauliche Aussage bezeichnet, zudem anzeigt, dass die Abwesenheit, die hier diskursiv umspielt wird, oft auch etwas Klandestines impliziert, machen die Begriffe „off stage commentary“ und „off screen“ darüber hinaus deutlich, dass gerade das Nicht-Vorhandene eine besondere Wirkmächtigkeit entfaltet. Nicht umsonst wird der OFF-Kommentar, also die begleitende Stimme aus dem Hintergrund, auch „voice of good“ genannt und nicht grundlos gelten gerade im Kino die Dimensionen „off screen“, womit solche Akteurinnen, Ereignisse oder Objekte gemeint sind, die nicht im Bild dargestellt werden, als die, von denen die immersivsten Effekte auf die Zuschauerinnen ausgehen.


Sicherlich auch aus den angedeuteten Gründen ist dieser OFF-Zustand immer wieder Gegenstand kulturanthropologisch relevanter Theorien und Forschungszugängen gewesen. Beispielhaft lassen sich mit dem Verbot bzw. dem Tabu sog. Prozeduren der Ausschließung im Kontext diskurstheoretischer Überlegungen anführen (Foucault 2003). Ebenso einschlägig ist der Begriff der Hinterbühne bei Erving Goffman (1969), der in der Analogie zum Theater einen nur für wenige zugänglichen Bereich beschreibt. Und so wie im Kontext der Erzählforschung auch das Nicht-Erzählen, das Nicht-Erzählbare und Verschwiegene (vgl. Becker 2009) von Interesse ist, sind es bei Marc Augé (u.a. 1988) die schwer zu fassenden Atmosphären der sog. Nicht-Orte, die in einem Fach, in dem auch und gerade die Hinwendung zu den „Unterwelten der Kultur“ (Maase/Warneken 2003) zur disziplinären Identität gehören, immer wieder kulturanthropologische Forschungen anregen.


Diese und andere Dimensionen des OFF nimmt das CVA 2019_21 zum Ausgangspunkt seiner „filmischen Zugänge ins Abseits“. Neben den konkreten Feldzugängen, die die Studierenden gewinnen sollen, wird eine besondere Herausforderung darin bestehen, diese auch filmisch zu realisieren. Um jene Facetten des Alltagslebens, zu denen Kameras oft keinen Zutritt haben, zu visualisieren, sollen die CVA-Teilnehmerinnen die tradierten Genregrenzen des ethnografischen Films erweitern: in Richtung solcher Abbildungsverfahren, die über das synchron Audiovisualisierbare hinausweisen. Dabei geraten auch die Techniken des Animations- und Trickfilms in den Blick, die von Computeranimation, über fotografisches Morphing bis hin zu Legetechnik, Stopp- und Zeichentrick reichen können. Ausgewählte dieser Techniken sollen in den von den Studierenden zu konzipierenden und zu realisierenden Projektfilmen medientheoretisch reflektiert, gemeinsam mit Protagonistinnen der Filme erarbeitet und schließlich mit den gängigen Methoden ethnografischen Arbeitens und Filmens gewinnbringend verschränkt werden.