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Movements of Migration

Neue Perspektiven auf Migration in Göttingen

Ein kooperatives Lehrforschungsprojekt zwischen dem Monomasterstudiengang und dem CVA

Stadt ist Migration – diese Einsicht der Stadtforschung gilt auch für Göttingen, wie die letzten 400 Jahre Göttinger Stadtgeschichte zeigen. Ohne gezielte und aktive Zuzugspolitik der Stadt etwa im 17. Jahrhundert und ohne die verschiedenen Migrationsbewegungen wäre Göttingen heute noch das Dorf, das es ehemals war. Heute haben ca. 18,5 % der Göttinger Stadtbevölkerung einen Migrationshintergrund; sie kommen aus 172 verschiedenen Ländern – und hierbei sind die temporären ausländischen Studierenden oder Menschen ohne Papiere gar nicht mitgezählt. Göttingen stellt somit einen guten bundesdeutschen Durchschnitt in Sachen Einwanderungsrealität dar. Doch in den offiziellen Darstellungen der Stadt findet diese Realität kaum Beachtung. Vielmehr wird sie von zahlreichen Akteur_innen der Stadtpolitik dethematisiert, ganz nach dem Motto: „Migration? Das höre ich zum ersten Mal!“ Auch ist das Stadtbild stark durch die idyllische Innenstadt, die Universität und eine sehr präsente Mittel- und Oberschicht geprägt; ganze Stadtviertel und Lebenswelten, die ungleich migrantischer sind, fallen hierbei aus dem Blick. Wie kann dies passieren? Movements of Migration hat sich zum Ziel gesetzt, diese verunsichtbarten Realitäten und verdrängten Geschichten der Migration aufzusuchen, ihre leid- wie freudvollen Wege von Aufbruch und Ankommen sowie vom Ringen um Anerkennung und Teilhabe zu rekonstruieren und sie in der Stadtöffentlichkeit sichtbar zu machen. Dabei interessierte uns sowohl in der Forschung als auch in der künstlerischen Umsetzung zur Ausstellung nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart der Migration und die stadtpolitischen Versuche, sie zu steuern und zu regulieren.

Mov_04_uDie Ausstellung
Die Ausstellung, welche in Kooperation zwischen der Universität Göttingen, dem Kunstverein und dem Integrationsrat realisiert wurde, basiert auf einem einjährigen Forschungs- und künstlerischen Umsetzungsprozess. Sie verlässt die klassischen Ausstellungsräume und verbindet in einem Ausstellungsparcours den Kunstverein im Künstlerhaus mit weiteren Stationen im Stadtraum. Das Rückgrat der Ausstellung bildet ein digitales Wissensarchiv, welches alle ausgestellten Arbeiten sowie alle verwendeten und recherchierten Materialien enthält und auch via QR-Codes von außerhalb besucht werden kann.

 

Mov_24Das Wissensarchiv
Das digitale Wissensarchiv bildet den zentralen Erinnerungsort der Ausstellung, der alle erforschten Materialien (Texte, Dokumente, O-Töne, Bilder, Sound) und Umsetzungen enthält. Es will sie in einem nicht-hierarchisierenden Modus für die weitere Nutzung, Recherche und Ergänzung zugänglich machen. Das digitale Wissensarchiv soll vor allem signalisieren, dass das Lernforschungsprojekt nur als Anfang eines Aufarbeitungsprozesses der Migrations-Geschichten in Göttingen verstanden werden kann, ein Prozess, der auf die Perspektiven und das Mittun der Migration selbst angewiesen ist. Insofern versteht sich das Archiv auch als erinnerungspolitische Aufforderung, endlich die Geschichte der Migration als bedeutsamen Teil der Göttinger Stadtgeschichte zu recherchieren.

Mov_38Zusammenarbeit mit Kunst
Die Forschungsergebnisse wurden in enger Zusammenarbeit mit sieben bildenden Künstler_innen in installative Repräsentationen überführt. Diese enge Kollaboration folgte nicht nur der Einsicht, dass künstlerische Darstellungsweisen informative und zugleich ansprechende Repräsentationen hervorbringen, die in der Lage sind, Komplexität zuzulassen und sie dennoch darstellbar zu machen. Vielmehr ergänzten sich die Praktiken des akademischen und des künstlerischen Forschens und Analysierens auf eine äußert erkenntnisfördernde Weise. Die Zusammenarbeit half zudem, die akademische Wissensproduktion selbst zu befragen und zu reflektieren. Einen repräsentatorischen Mehrwert stellt die Kooperation mit bildenden Künstler_innen auch für diejenigen Studierenden dar, die als Teilnehmer_innen des Curriculums Visuelle Anthropologie ihre Forschungen in ein filmisches Format überführt haben. Die Installationen, die in ein unmittelbares Zusammenspiel mit den filmischen Repräsentationen treten, rücken vor allem die sonst oft vernachlässigten räumlichen und materiellen Eigenschaften des Mediums in den Vordergrund. Da die Filme ebenfalls in das digitale Wissensarchiv eingespeist sind, eröffnet Movements of Migration zudem neue Chancen für Formen nicht linearen Erzählens im Prozess filmischer Vermittlung. Die Kooperation mit Kunst macht auf diese Weise einen Modus des Erzählens und Darstellens möglich, der vielschichtiger, analytischer und polyfoner ist, als es klassische museale Ausstellungskonzeptionen und filmische Arbeiten vorsehen. Insofern ist der Ausstellungsparcours als kollektives und dialogisches Ergebnis aus Forschung, Kunst und Aktivismus zu verstehen.

Homepage: http://www.movements-of-migration.org

Filme: http://www.movements-of-migration.org/cms/wissensarchiv/16